About Strange Lands and People


Leipziger Volkszeitung, 4. Juni 2013


Grandioses Stück in Gebärdensprache

von Steffen Georgi


Sprache ist Institution, ist System. Sprechen ist etwas anderes. Nämlich ein vitaler „intellektueller Akt der Selektion und Aktualisierung“. Es war der französische Semiotiker Roland Barthes, der diesen terminologischen Unterschied formulierte und ihn unter anderem in seinen fesselnden Büchern „Das Rech der Zeichen“ und „Fragmente einer Sprache der Liebe“ vertiefend reflektierte.

„About Strange Lands and People“ heißt die Inszenierung des in Amerika geborenen und in der Schweiz arbeitenden Choreographen Joshua Monten, die es am Sonntag und gestern im Rahmen der Tanzoffensive im Lofft zu erleben gab. Ausgehend von der Gebärdensprache Gehörloser und unter deren Einbeziehung in den Probenprozess, schuf Monten eine Inszenierung, die mit dramaturgischer Stringenz, tänzerisch erstklassigem Handwerk und atmosphärischem Gespür zu einer faszinierenden Reise ins Reich der Zeichen geriet. Hin zu den Gesten einer Sprache der Liebe, deren Fragmente sich hier zu einer Poesie der Körper-Sprache (genauer: des Körper-Sprechens) verdichten.

Der Grieche Derrick Amanatidis, die Amerikanerin Ariel Cohen, der Belgier Nicky Vanoppen und Fhunyue Gao aus dem Tessin sind die vier Tänzer, die das Vokabular von erwidertem und unerwidertem Begehren, Lust und Gewalt, Erfüllung und Entsagung durchbuchstabieren. Und das wahrlich nicht undramatisch. „About Strange Lands and People“ scheut nicht das Harsche. Das Wegstoßen, hart auf dem Boden aufschlagen, Kleider vom Leib reißen. Liebe ist kein rosarotes Pillepalle. Keine Spur hier vom empflindlich Empfindsamen, das Tanztheater so oft im Manierismus schwächeln lässt. Stattdessen tänzerische Verausgabung, die auch in den zarten und humorvollen Passagen kraftvoll und akkurat bleibt.

Bei aller expressiven Körperlichkeit verschwimmt der Inszenierung dabei nie ihre thematische Fokussierung. Zeigt sie, wie Worte, von den Tänzern gesprochen, Zeichen und wie Sätze als Gesten zum nonverbalen Dialogfluss werden. Der essenzielle Aspekt des Tanzes als ein In-Gebärden-sprechen bekommt hier eine bestechend ästhetisch Ummantelung – und substanzielle Szenen. Dass die Inszenierung etwa Dialogpassagen rein gestisch bestreitet und dem Gebärdensprache-Unkundigen somit für kurze Phasen in jenen Zustand einer Ausgeschlossenheit versetzt, die Gehörlose in extremerer Form nur zu gut kennen, fügt sich ohne Anflug von Larmoyanz ins Geschehen; für das als akustischer Katalysator Franz Liszts h-Moll-Sonate fungiert. Wie man nun wiederum die Virtuosität und Emotionalität dieses Stückes für Gehörlose „hörbar“, emotional fühlbar macht, ob und wie man einen Klang übersetzen kann ins (tänzerisch) Gestische, ist dann noch ein weiterer Aspekt dieser ausgesprochen komplexen Erkundung ins Reich der Zeichen. Eine Inszenierung, die den intellektuellen Akt des Sprechens zur unmittelbaren Entäußerung des Physischen umformt – und damit vielleicht sogar eine Utopie formuliert: Im Aufbrechen und Erweitern dessen, was Sprache als Institution und System klassifiziert.



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Berner Zeitung, 13. Oktober 2012